11. Juni 2026 Turbinenhalle 2, Oberhausen – Manche Bands werden mit der Zeit zu Erinnerungen. Andere beweisen, dass sie genau das Gegenteil sind: lebendige Gegenwart.
Skunk Anansie gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Mehr als drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung steht die britische Formation noch immer für eine Energie, die nicht aus Nostalgie entsteht, sondern aus echter Überzeugung. In der Turbinenhalle 2 in Oberhausen zeigte das Quartett eindrucksvoll, warum ihre Konzerte auch nach so vielen Jahren nichts von ihrer Wirkung verloren haben.
Die Geschichte der Band ist eng mit einer Zeit verbunden, in der alternative Gitarrenmusik von neuen Stimmen geprägt wurde. Als Skunk Anansie Mitte der 90er-Jahre auftauchten, passten sie in keine Schublade: eine kompromisslose Rockband mit einer charismatischen Schwarzen Frontfrau, die musikalisch zwischen Aggression, Soul, Punk und emotionaler Tiefe wechselte. Was damals bereits außergewöhnlich war, wirkt heute beinahe noch aktueller. Ihre politische Haltung, ihr Einsatz für Gleichberechtigung und ihre klare Botschaft gegen Ausgrenzung haben nichts an Bedeutung verloren.
Das Publikum in Oberhausen spiegelt diese besondere Verbindung wider. Viele Fans begleiten die Band seit den frühen Tagen, doch die Begeisterung wirkt keineswegs wie ein reines Wiedersehen mit der Vergangenheit. Die Turbinenhalle ist gut gefüllt, die Atmosphäre gespannt. Hier treffen Menschen aufeinander, die mit den Songs erwachsen geworden sind und sie noch immer mit derselben Intensität aufnehmen wie vor Jahrzehnten.
Den Abend eröffnet Lady Lazarus. Die aus Australien stammende und inzwischen in Berlin beheimatete Punkband setzt auf rohe Energie, direkte Ansagen und eine bewusst ungeschliffene Ästhetik. Die halbe Stunde Spielzeit ist laut, wild und kompromisslos, ein passender Kontrast zum Hauptact.
Nach der Umbaupause wird schließlich klar, wem dieser Abend gehört. Als Skunk Anansie die Bühne betreten, richtet sich die Aufmerksamkeit sofort auf Deborah „Skin“ Dyer. Die Sängerin bewegt sich mit einer körperlichen Präsenz, die viele jüngere Künstlerinnen und Künstler in den Schatten stellt. Fast sechzig Jahre alt, wirkt sie noch immer wie eine Naturgewalt: ständig in Bewegung, voller Ausdruck und mit einer Stimme, die mühelos zwischen zerbrechlicher Feinheit und brachialer Wucht wechselt.
Die Bühne selbst bleibt vergleichsweise reduziert. Silberne, futuristisch wirkende Elemente und markante Lichtinszenierungen schaffen zwar eine besondere Atmosphäre, doch die eigentliche Show entsteht durch die Musikerinnen und Musiker selbst. Skunk Anansie benötigen keine großen Effekte, ihre Dynamik entsteht aus der unmittelbaren Verbindung zwischen Band und Publikum.
Musikalisch spannt die Setlist einen Bogen durch die gesamte Karriere. Klassiker wie „Charlie Big Potato“, „Weak“, „Hedonism (Just Because You Feel Good)“ oder „Yes It’s Fucking Political“ treffen auf neue Stücke des aktuellen Albums „The Painful Truth“. Besonders „An Artist Is An Artist“ fügt sich überraschend selbstverständlich in den langjährigen Katalog ein und beweist, dass die Band auch nach über 30 Jahren noch neue Facetten zeigen kann.
Ein besonderer Moment entsteht bei „I Can Dream“, als Skin die Nähe zu den Fans sucht und mitten ins Publikum geht. Diese direkte Verbindung ist seit jeher ein Markenzeichen der Sängerin. Sie singt nicht einfach für die Menschen vor der Bühne, sie tritt mit ihnen in Kontakt. Auch die Rollstuhlplätze werden besucht, und für einige Minuten verschwimmen die Grenzen zwischen Band und Publikum vollständig.
Natürlich zeigt ein Abend dieser Größenordnung auch kleine Schwächen. Der Sound bleibt nicht immer optimal ausbalanciert und hätte der gewaltigen Stimme von Skin noch mehr Raum geben dürfen. Doch diese technischen Einschränkungen können die Wirkung der Performance kaum schmälern. Wenn die Sängerin bei „Hedonism“ für Gänsehaut sorgt oder beim Finale mit beeindruckender Ausdauer lange Töne hält, wird deutlich, warum sie weiterhin zu den außergewöhnlichsten Stimmen des Rock gehört.
Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck: Skunk Anansie sind keine Band, die ausschließlich von ihrer Vergangenheit lebt. Ihre Musik funktioniert heute genauso unmittelbar wie früher. Die Mischung aus Haltung, musikalischer Klasse und ungebremster Spielfreude macht ihre Auftritte weiterhin zu besonderen Erlebnissen.
Nach über 30 Jahren Bandgeschichte beweisen Skunk Anansie in Oberhausen, dass Relevanz kein Verfallsdatum kennt. Ihre Songs tragen noch immer dieselbe Wucht, ihre Botschaften treffen weiterhin einen Nerv und ihre Konzerte erinnern daran, dass echte Leidenschaft nicht älter wird.
Photo by VELTILEIN / Text by Ralf













